Lübecker Vortragsreihe zu Sportmedizin und Gesundheit 2015 – eine Nachlese –

28.10.2015

Im Jahre 2012, als Lübeck 'Stadt der Wissenschaft' war, haben mein Kollege Prof. Wolfgang Jelkmann und ich eine Vortragsreihe ins Leben gerufen, in deren Beiträgen alle Facetten des Sports durch entsprechende Experten in allgemein verständlicher Form beleuchtet werden sollten. Das Projekt war und ist eine Kooperation mit dem Wissenschaftsmanagement der Stadt Lübeck, das auch für die Reise- und Hotelkosten der Referenten aufkommt. Der Veranstaltungsort ist jeweils das 'Haus der Wissenschaft' mitten im Herzen der Lübecker Altstadt.

Auch in diesem Jahr konnten wir wieder vier namhafte Persönlichkeiten nach Lübeck zu einem Vortrag locken:

  • Zum Auftakt sprach Anfang April Prof. Bernd Wolfahrth von der Universitätsmedizin der Charité in Berlin. Er ist seit den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver leitender Mannschaftsarzt des deutschen Olympiateams und referierte entsprechend unter dem Titel 'Olympia aus ärztlicher Sicht'. Eine Teilnahme an Olympischen Spielen ist für viele Hochleistungssportler ein Lebenstraum. Entscheidend dabei ist, "auf den Punkt" topfit zu sein. Prof. Wolfahrth sieht seine Aufgabe in erster Linie in der Prävention möglicher Erkrankungen und Verletzungen.

    Rund 30 Ärzte begleiten die deutsche Olympia-Equipe zu den jeweiligen Sommerspielen (20 Orthopäden, 4 Internisten, 8 Allgemeinmediziner); hinzu kommen vier Sportpsychologen und ca. 50 Physiotherapeuten. Kurios dabei war in der Vergangenheit, dass an manchen Tagen bis zu 80% der Patienten-Kontakte die Funktionäre ausmachten. Warum? Weil die Behandlung kostenlos war. Dies wird sich in Zukunft aller Voraussicht nach ändern, da die ärztlichen Maßnahmen zwar auch für die Funktionäre nach wie vor kostenlos bleiben, aber von diesen nur noch vor 08.00 und nach 22.00 Uhr in Anspruch genommen werden dürfen...

  • Prof. Dieter Leyk von der Deutschen Sporthochschule in Köln setzte den Vortragsreigen im Mai fort. Er ist als promovierter Humanmediziner und promovierter Sportwissenschaftler doppelt qualifiziert und referierte über ein Thema, dass wieder eher den Breiten- und Gesundheitssportler direkt ansprach: 'Wie werde und bleibe ich fit?'. Die Lebensumstände in unserer Gesellschaft haben sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch und historisch einmalig verändert: Preiswerte Nahrungsmittel gibt es im Überfluss; gleichzeitig ist es zur drastischen Bewegungsreduktion in Beruf, Haushalt und Freizeit gekommen. Der erwachsene Durchschnitts-Bundesbürger legt jeden Tag motorisch eine Strecke von rund 500 m (sic!) zurück. Übergewicht, sinkende Belastbarkeit und chronische Erkrankungen können die Folge sein. Prof. Leyk kann dies durch Daten aus eigenen umfangreichen Erhebungen belegen.

    Von der Evolution ist der Mensch aber für Bewegung geschaffen! Dreimal die Woche für jeweils sechzig Minuten Bewegung bei mittlerer Intensität (GA1-Bereich) ist das absolute Minimum, das man sich "gönnen" sollte; bei höherer Intensität (GA2-Bereich) kann man die Belastungszeiten "notfalls" halbieren. Unterm Strich "zählt" aber jede auch noch so kurze Trainingseinheit (Eine viertel Stunde Radfahren ist besser als eine viertel Stunde nicht Radfahren!). Und, nicht zu vergessen: Auch im Alltag lässt sich vieles "bewegen": Nutzung der Treppe, Nutzung des Fahrrades für Kurz- und Mittelstrecken, im Stehen telefonieren usw.

  • Der dritte im "Bunde" der Referenten war Prof. Thomas Küpper von der Uniklinik in Aachen. Er sprach nach der Sommerpause über die in Fachkreisen durchaus umstrittene Sinnhaftigkeit des Höhentrainings. Mit steigender Höhe sinkt das Sauerstoffangebot (pO2). Unter einem Höhentraining versteht man den gezielten Einsatz einer Unterversorgung des Organismus mit Sauerstoff (3 bis 4 Wochen Aufenthalt auf Höhen zwischen 2000 und 2800 m; hypobare Hypoxie). Dieses Konzept wurde nach der Olympiade 1968 in Mexiko entwickelt und soll zur Steigerung der Leistungsfähigkeit führen: Hämoglobin- und Myoglobinmasse, die Sauerstoffträger in Blut und Muskel, nehmen zu; Herz/Kreislauf- und Atmungssystem arbeiten ökonomischer; die arbeitende Muskulatur wird besser durchblutet. Andererseits hat ein Aufenthalt in großen Höhen auch negative Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit, z.B. durch eine Abnahme des maximalen Herzminutenvolumens, eine reduzierte Pufferkapazität des Blutes oder eine verringerte maximale Trainingsintensität.

    Verschiedene Strategien werden diskutiert: 'Live high - train high' (LHTH), bei der der Sportler in der gewählten Höhe lebt und trainiert, ist das klassische Höhentraining. Bei 'Live high - train low' (LHTL) lebt und schläft der Athlet in der Höhe, trainiert aber auf Meeresniveau. Dieses Vorgehen soll die Vorteile der Höhenakklimatisation mit der Möglichkeit, in voller Intensität trainieren zu können, miteinander verbinden. Beim 'Live low - train high' (LLTH) wird genau umgekehrt vorgegangen. Schließlich wird auch noch die Methode 'Live high - train high - train low' (LHTHTL) praktiziert, bei der die Trainingshöhe variiert wird.

    Die Datenlage in der wissenschaftlichen Literatur ist nach wie vor ausgesprochen unübersichtlich. Die Effekte eines Höhentrainings sind sehr individuell und meist eher marginal. Wenn man dann noch die enormen Kosten eines Höhentrainingslagers in die Überlegungen mit einbezieht, kommen doch Zweifel auf, ob eine solche Maßnahme von nennenswertem Nutzen ist. (Unbestritten ist jedoch die Notwendigkeit eines Höhentrainings zur Vorbereitung auf einen Wettkampf in großen Höhen.)

  • Den Schlusspunkt des diesjährigen Programms setzte im Oktober Dr. Mischa Kläber vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Frankfurt. Dort ist er seit Ende 2012 Leiter des Ressorts 'Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement'. Studiert hat er Sportwissenschaft, Psychologie und Pädagogik; hinzu kamen im Rahmen eines Zweitstudiums noch die Soziologie und Philosophie. Dies ist ein Qualifikationsmix, der dazu prädestiniert, den menschlichen Körper und Geist zu be- und durchleuchten.

    Dr. Kläber berichtete über ein Ereignis, dass eigentlich sensationell, aber von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt geblieben ist: die Verabschiedung des 'Gesetzes zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention' (kurz 'Präventionsgesetz' [PrävG]). Es wurde nach über 10jähriger "Anlaufzeit" im Juli d.J. vom Bundestag verabschiedet und gilt ab 2016. Unser bisheriges Gesundheitssystem ruht auf drei Säulen: Kuration, Rehabilitation und Pflege. Durch das PrävG kommt nun eine Säule hinzu: die Prävention. (Nach dem Motto: "Die beste Krankheit ist diejenige, die gar nicht erst eintritt.") Dazu werden in Zukunft die Kranken- und Pflegekassen Präventionsprogramme für über 500 Mio Euro auflegen. Für Selbsthilfegruppen (zu denen im weitesten Sinne auch die Vereine gehören) werden die Krankenkassen je Versicherten 1,05 Euro zur Verfügung stellen; das macht einen Gesamtbetrag von immerhin rund 73 Mio Euro.

    Große Summen sind also im Spiel. Wie kann das aber in der Realität funktionieren? Zum einen wird es Unterstützungen für die innerbetriebliche Gesundheitsförderung geben. Aber auch die Vereine und Verbände werden gestärkt. So kann ein Arzt 'Bewegung auf Rezept' verschreiben ("Bewegung ist das beste Medikament!"). Mit dem Rezept kann der Versicherte zu seiner Krankenkasse gehen und bekommt, wenn einige Voraussetzungen und Rahmenbedingungen gegeben sind, bis zu 80% seiner Kosten erstattet. ("Hurra, mein Rennrad wird von der Krankenkasse bezahlt! Naja, zumindest zum Teil. Vielleicht...!?")

Soviel zu den diesjährigen Vorträgen. Aber keine Angst, die Reihe wird fortgesetzt! Wir können im nächsten Jahr sogar ein kleines Jubiläum feiern, da es der fünfte Durchgang der Vortragsserie sein wird.

Die Termine können schon vorgemerkt werden:

  • 13. April,
  • 11. Mai,
  • 14. September und
  • 12. Oktober

(jeweils mittwochs; Haus der Wissenschaft, Breite Straße 6-8, Lübeck, 18.00 Uhr).

Ich kann versprechen, dass wir bereits wieder mit hochkarätigen Referenten (so genannten "Big Shots") in Verhandlungen sind... 

 

 

 


Autor: Horst Pagel, Lübeck