Lübecker Vortragsreihe zu Sportmedizin und Gesundheit – eine Nachlese

13.11.2014

©Thomas von Massow - Das Orga-Team

©Thomas von Massow - Prof. Dr. Gertrud Pfister

©Thomas von Massow - Prof. Dr. Wilfried Kindermann

©Thomas von Massow - RA Sigfried Fröhlich

©Thomas von Massow - Prof. Dr. Bernhard Schwaab

©Thomas von Massow - Meet The Expert

Die Premiere im Jahre 2012

Vor zwei Jahren war Lübeck 'Stadt der Wissenschaft'. Dies war für uns, meinem Kollegen Wolfgang Jelkmann und mich, der Anlass, zusammen mit dem Wissenschaftsmanagement der Stadt Lübeck eine Vortragsreihe zum Thema Sportphysiologie bzw. -medizin ins Leben zu rufen. Es ging in dieser ersten Runde zunächst um die verschiedenen Facetten des Dopings.

So hat u.a. ein Jurist die rechtliche Seite des Dopings beleuchtet. Kein Geringerer als Mario Thevis aus Köln hat zu aktuellen Entwicklungen in der Dopinganalytik gesprochen. Robert Lechner, Bronzemedaillen-Gewinner im 1.000-m-Zeitfahren bei der Olympiade in Seoul, hat sogar den weiten Weg aus Ruhpolding zu uns in den hohen Norden gefunden; er berichtete darüber, wie er systematisch an seine Medaille herangedopt wurde - obwohl er es gar nicht wollte.

Die Fortsetzung 2013...

Im Jahr darauf war Lübeck zwar nicht mehr 'Stadt der Wissenschaft'. Wegen der überraschend großen Resonanz haben wir uns aber entschlossen, die Reihe fortzusetzen, u. zw. noch einmal zum Thema Doping. Höhepunkt in diesem Reigen war zweifellos der Besuch von Rolf Järmann, dem erfolgreichsten schweizerischen Rennrad-Profi aller Zeiten. Auch er hat während seiner aktiven Zeit gedopt. Er hatte allerdings auch gar keine andere Möglichkeit, fiel seine Profi-Zeit doch in die Hochzeit des Epo-Dopings. (Tiefpunkt war allerdings, dass in Lübeck die beiden mitgebrachten Mountain-Bikes von Rolf Järmann und seiner Frau geklaut worden sind.)

...und 2014

Da wir einhellig der Meinung waren, das Thema Doping in den vergangenen zwei Jahren von allen Seiten hinreichend beleuchtet zu haben, haben wir für dieses Jahr das Thema und das Format der Vortragsreihe geändert. Es ging nunmehr um 'Sportmedizin und Gesundheit', also der allgemeinen Fitness.

 

  • Eröffnet wurde das Programm durch Gertrud Pfister aus Kopenhagen. Die Professorin ist hoch dekorierte und weltweit anerkannte Sportsoziologin und sprach zum Thema 'Frauen und Sport'. Ein Kernsatz ihres Vortrages lautete: "Als Profisportlerin ist es immer noch schwierig, finanziell zu überleben." Spitzenathletinnen sind allenfalls "unterstützte Amateurinnen". Wie langsam sich das System 'Sport' bewege, lasse sich vor allem auf der Funktionärsebene beobachten - neun von zehn internationalen Sportverbänden haben einen Präsidenten an ihrer Spitze.

  • Fortgesetzt wurde die Reihe durch einen Vortrag von Wilfried Kindermann aus Saarbrücken. Er war im zarten Alter von 22 Jahren immerhin Europameister mit der 4×400-m-Staffel. Seine Laufbahn als Leichtathlet hat er dann aber nicht weiter verfolgt, sondern wurde Internist und schließlich Professor für Sportmedizin. In dieser Eigenschaft war er über viele Jahre leitender Arzt der Olympiamannschaft, des Leichtathletik-Verbandes und der Fußballnationalmannschaft. Angemerkt sei noch, dass Wilfried Kindermann sich vom Saulus zum Paulus gewandelt hat: Hat er in früheren Jahren den Doping-Zirkus nach Kräften unterstützt oder zumindest billigend in Kauf genommen, so ist er heute entschiedener Doping-Gegner.

    Wilfried Kindermann sprach über neuere Erkenntnisse zum plötzlichen Herztod beim Sport. Es ist doch erstaunlich: Da traben fröhlich pfeifend junge, gesunde und ärztlich bestens betreute Athleten in die Arena, und plötzlich fallen sie tot um! Besonders spektakulär ist das natürlich in der Öffentlichkeit - am besten vor laufender Fernsehkamera. Ursache sind meist vorbestehende, in der Regel angeborene Herzanomalien. Diese spielen im Alltag keinerlei Rolle, sondern kommen erst unter (Extrem-) Belastungen zum Tragen. Vermieden werden können die Todesfälle nur durch engmaschige sportmedizinische Untersuchungen, wobei die betreuenden Sportärzte hinsichtlich besonderer EKG-Auffälligkeiten geschult werden müssen.

  • Nach der Sommerpause hat Siegfried Fröhlich, Rechtsanwalt aus Mainz, die Vortragsreihe fortgeführt. Zu seinen Klienten gehören Sportvereine, Olympiasieger, Welt- und Europameister. Er ist damit profunder Intimkenner des Sportbetriebes und sprach über die Ware Profisportler. Sport ist heute in erster Linie Big Business, eine globale Unterhaltungsindustrie. Das betrifft natürlich auch die Athleten; die Sportler sind zum Spielball wirtschaftlicher Interessen geworden. Konflikte sind quasi vorprogrammiert, wenn wirtschaftliche Überlegungen darüber entscheiden, wie Sportler sich zu verhalten haben. Eine Konsequenz daraus ist, dass praktisch kein Spitzenathlet heute ohne Sportagenten auskommt. Ähnlich wie Wohnungsmakler sind dies Menschen, die eigentlich nichts tun, dafür aber viel Geld kassieren. Und: Je öfter ein Athlet den Verein wechselt, desto mehr verdient der Agent. Das besonders Erschreckende daran ist, dass dies auch vollumfänglich für die jugendlichen Nachwuchstalente aus dem Ponykader gilt.

  • Den Schlusspunkt des diesjährigen Programms setzte Bernhard Schwaab, Chefarzt der Curschmann-Klinik in Timmendorfer Strand. Er ist Professor für Innere Medizin und Kardiologie, hat aber auch die Anerkennung für Sportmedizin, Rehabilitationswesen und Sozialmedizin. Bernhard Schwaab versuchte sich der Antwort auf die Frage, wie viel Bewegung denn nun gesund ist, zu nähern. Sport ist gesund; das ist eine Binsenweisheit.

    Ist noch mehr Sport noch gesünder? Man kann bekanntlich den Bogen auch überspannen (siehe oben: Wilfried Kindermann - 'Der plötzliche Herztod'). Speziell Neu- und Wiedereinsteiger sollten durchaus einen Sportarzt konsultieren, um das richtige Ausmaß und die richtige Intensität der jeweiligen körperlichen Belastung zu ermitteln.Zwei weitere wichtige Aspekte hat Bernhard Schwaab herausgearbeitet: Erstens, auch Menschen mit Herzerkrankungen, Diabetes, hohem Blutdruck oder Depressionen dürfen und sollen sich bewegen - und profitieren davon. Und zweitens, Sport muss nicht nur im Studio oder in der Arena stattfinden; auch im Alltag lässt sich einiges "bewegen": Treppe statt Fahrstuhl, Fahrrad statt Auto, stehend statt sitzend arbeiten, zum Kollegen gehen statt ihm eine E-Mail zu schreiben, etc. Es gilt sinngemäß die alte Weisheit: "Gehen Sie täglich mit dem Hund raus, auch wenn Sie gar keinen Hund haben."

Es geht weiter: geplantes Programm 2015

Auch für das kommende Jahr haben wir wieder einiges vor, wenngleich die angefragten Redner noch nicht alle definitiv zugesagt haben. Es soll um die Frage gehen, wie ich fit werde und bleibe. Der Themenkomplex Höhenphysiologie soll angesprochen werden (Stichwort: Höhentraining - ja/nein?). Die Olympiade soll aus ärztlicher Sicht beleuchtet werden. Mit ein wenig Glück und Verhandlungsgeschick wird uns auch ein prominenter Fußballer aus Hamburg besuchen (Zitat: "Der große Favorit ist für mich Brasilien, der Geheimfavorit Italien - und Weltmeister wird Deutschland.").

Das endgültige Programm wird zu gegebener Zeit bekannt gegeben werden.


Autor: Horst Pagel